Komm, wir fahren an den Exposee …

Die neue deutsche Rechtschreibung ist seit dem 1.8.99 fest vorgeschrieben. Sie gilt, basta. Ausnahmen gibt es nicht, es ist genügend darüber berichtet, geschrieben und gehetzt worden. Schluss, aus, fertig, sie gilt. Kein Wort mehr… oder…doch, eines noch!

Ich verdiene meine Brötchen mit dem Schreiben von Artikeln für Computer-Zeitschriften, für Internet-Agenturen, neuerdings sogar für das Bundesinnenministerium. Bislang ging das auch ganz gut, seit einiger Zeit bemerke ich jedoch eine unheimliche Veränderung in meiner Umgebung. Alte Freunde in den Redaktionen gehen auf Distanz, Lektoren lassen sich verleugnen, und Auftraggeber aus dem englischsprachigen Raum fragen vorsichtig: „Hmm, you writing in german standard, eh? Can we believe that this will go on for the future?“ Mit anderen Worten: Meine Texte für deutsche Artikel in englischen Zeitschriften für den deutschen Markt, also in deutsch (verwirrend, nicht wahr?) werden doppelt so oft durchgelesen wie bisher. Und das alles nur, weil eine Kommission zur Förderung des Gehirntods diverse Regeln aufgestellt hat, die allem widersprechen, was ich in 12 Jahren Schule gelernt habe.

Kräschkurs in Fast-Food-Grammatik

Ich war heute auf den Seiten der Duden-Redaktion. Dort gibt es einen „Crash-Kurs“ (neudeutsch für: Rechtschreibung auf Basis änderungswilliger Nutzung germanischer Gesetze, kurz RABÄNGG) für Leute wie mich. Genauer gesagt für unwillige Autoren, Störenfriede deutscher Gründlichkeit. Dort wird anhand kurzer Beispiele erklärt, was geändert wird, wie es geändert wird, warum es geändert wird. Was fehlt sind Links zu Apotheken, zwecks Orderung von Magentropfen, Baldrian, Valium. Nun gut, als gelernter Redakteur nimmt man sprachliche Neuerungen gelassen hin. Als erstes schauen ich also auf eine Übersicht, die alle neuen Rechtschreibänderungen aufzeigt. Nach schon sehr kurzer Zeit sind die ersten Änderungen fest im Kopf verankert:

„Es reicht ein Quäntchen Glück, um nicht einer Gräueltat zu verfallen, die dazu führt, Mitglieder der Kommission für die neue Rechtschreibung in den nächsten Fluss oder in einen Haufen Brennnesseln zu werfen und stattdessen lieber ein Karamellbonbon zu lutschen.“

Die neue Rechtschreibregel in diesem Fall heisst „Laut-Buchstaben-Zuordnung“. Sie ist eigentlich hervorragend, denn endlich, nach Jahren der Einsamkeit, werden Schüler mit der Deutschnote 5 endlich zu ihrem Recht kommen. Das Quentchen Glück wird endlich ge-„äht“, die Greueltat wirkt endlich grau wie der Denkbereich eines Klassenclowns, der Fluss entbehrt des entbehrlichen „ß“, was bedeutet, dass mein alteingesessener Name „Borngießer“ ab sofort aus dem Gedächt…Gedecht…? Gedächtnis gestrichen wird, die Brennnnnnesseln werden endlich so ausgesprochen, als ob man mitten hineingefallen wäre und das Karamellbonbon schmeckt mit den zwei „Ells“ am Ende noch mal so gut während des Unterrichts. Zufrieden?

Nun könnte man allerdings als Mensch mit einem gewissen Intelligenzqotienten (ha, schon mitgekriegt? Da sind zwei Tierarten drin: Inntelli-Gäns und Kwotzi-Enten) auf die Idee kommen, dass die Gräueltat ziemlich gräulich ist, weil kein Licht da. Hätte die gräuliche Gräueltat vielleicht abgewendet werden können, wenn das Hallo-Gen-Licht angeschaltet gewesen wäre? Ich schweife wieder ab…

Wenden wir uns der nächsten Regel zu, der Fremdwortschreibung. Ich dachte dabei immer, Fremdwörter sind Wörter, die einer fremden Sprache entnommen wurden. Aber nein, Fremdwörter sind dazu da, sie einzubürgern, sie zu integrieren, sie zu einem festen Bestandteil der deutschen Sprache zu machen. Der „Frisör“ hört sich dabei allerdings komischer an als der Friseur. Na gut, macht nix, die meisten Damen gehen sowieso zum Häärschteilisten. Um diese ganze ausländische Wortbande irgendwie in das deutsche Wortgut einzubinden, nimmt man dann am besten die Lautmalung eines Fünfjährigen, dem die Milchzähne nacheinander ausfallen und wandelt diese Verbalattacken auf die deutsche Sprache gefälligst um. Nix Multikulti, Einischreibi! Jawoll!

„Jürgen, schreib mal ein Exposee.“
„Ein Exposee“
„Nein, ich meine, Du sollst ein Exposee entwerfen.“
„In Hannover? Wie wär’s mit dem Messegelände? In der Mitte ist ein Rasenstück, da könnte die Feuerwehr…“
„HERRGOTT, Du sollst mir sagen, was in dem Artikel zur Verschlüsselungstechnik drinnesteht!“
„Achso… – sag‘ das doch gleich…“

Da dreht sich doch der Delfin im Paragrafen um… Was zum Henker soll daran schwierig sein, das Wort Exposé richtig zu schreiben? Selbst dieser popelige Editor von Windows bekommt das hin. Aber nein, wir schreiben Exposee, als ob wir die Badehose einpacken und in Urlaub fahren. Und bei substanziell statt substantiell freuen sich alle Gebissträger unter 15 Jahren. Und alle Zahnspangenmonster. Nie mehr sitzenbleiben wegen schlechter Zensuren, statt dessen ruhig sitzen bleiben, wenn auch der Lehrer an der Decke schwebt. Ist schon gut, ich reg‘ mich wieder auf. Ruhig, Weisser, brrr. Lass die Riemen schleifen…

Trennungsschmerz…

Es ist schon irgendwie nicht zu begreifen, warum bisher der Zucker beim Trennen in einen „Zuk“ und einen „ker“ zerfiel, anstatt sich in einen „Zuc“ und einen „ker“ zu verwandeln. Irgendwie sinnvoller wird die neue Trennung aber auch nicht: „Zu“ hebelt sich von „cker“ ab. Man stelle sich vor, diese Schreibweise im Gästebuch eines 5-Sterne-Hotels:

„Der Service war gut, aber das Zu-
ckerglas nie gefüllt.“

Oder: „Dank des Trainingsraumes geriet ich in Verzü-
ckung.“

Plonk. Wie wär’s mit dem?
„Mein Mann bekam nach der Massage von der hübschen Blonden lauter Zu-“
…Denkpause…
„ckungen“.

Ich stelle mir gerade einen amerikanischen Germanisten bei der Ausführung dieser Regel vor.
„Wir schliefen im gleichen Zimmer wie weiland Carl Zu-
ckmayr.“

KREISCH!!! Macht sich mal irgend jemand Gedanken darüber, wie LÄCHERLICH das wirken kann? Ob da nicht jemand zu den Gela-ckmeierten gehört? Vielleicht findet das ja auch jemand bekna-ckt! Jaja, ich weiss, dass die Trennungen da nicht hingehören. Aber das Ganze macht irgendwie mehr Spass als Trivial Pursuit… 🙂

„Oh, es war kalt. Ich öffnete die O-
fentür und warf Brennholz hinein…“

Tja, Pech gehabt. Die stimmt…

Wir fordern: Neue Regeln der Mathematik…

Nachdem die Rächtschreipunk nun hoffentlich so is, wie wir sie wollten, ey, sollte als nechstes dann entlich auch die Maddemaddigg drangommen. Wer braucht denn schon ein Minuszeichen? Schafft es ab. Millionen von Kontoüberziehern werden es euch danken. Weg mit der Prozentrechnung, her mit der Aufrundung um fünf Stellen. Schickt die Brüche dorthin, wo die Schifahrer die Hänge runterkullern. Macht aus dem Satz des Thales den Einsatz in Manhattan. Nein, ich muss mich wieder abregen. So geht das nicht. Die neue Rechtschreibung ist durch, seit dem 1.8.99 ist sie gültig. Und in fünf Jahren muss jeder sie beherrschen.

Mein Globus steht dauerhaft auf Neuseeland ausgerichtet. Eigentlich war es nur ein Spass zwischen mir und einem Kollegen, der nach Kanada ausgewandert ist: Ich wollte auf die Südinsel und die Population der Keas (einheimische Vögel, vom Aussterben bedroht) durch Nachzüchtung erhöhen. Und vielleicht ein paar Schafe hochziehen, um Wolle für einen warmen Pullover (übrigens ein englisches Wort, bedeutet soviel wie „Überzieher“, was in manchen Kreisen jedoch wieder für Verwirrung sorgt, deshalb bleibt es beim „pull over“) zu haben. Tja, Deutschland… mach weiter so, und die Überlebens-Chance? der Keas steigt bedrohlich an. Oder gräulich…

J.Bornießer

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Ein Gedanke zu “Komm, wir fahren an den Exposee …

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