Telefonstörung

„Moving Letters Medienagentur, schönen guten Tag! Mein Name ist Jürgen Borngießer – wie kann ich Ihnen helfen?“

Wenn man eine kleine Firma im Bereich ´Medien- und Presseagentur´ leitet, ist man stets bemüht, sich zuvorkommend und freundlich am Telefon zu melden, immerhin kann es sich um einen lukrativen Auftrag oder um die Rückfrage eines Auftraggebers handeln. Und da möchte man natürlich in einem guten Licht dastehen.

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Und zwar eine Reise nach Mallorca, wenn Sie folgende Frage richtig beantworten: In welchem Jahr wurde Angela Merkel zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Drücken Sie die Taste 1, wenn Sie das Jahr 2004 wählen möchten. Drücken Sie die Taste 2, wenn Sie das Jahr 2005 wählen möchten. Drücken Sie die Taste 3, wenn Sie das Jahr 2006 wählen möchten. Drücken Sie die Taste 4, wenn Sie unser unglaubliches Angebot, drei Flaschen Wein vom Gut Schädeltot aus der Steiermark für den unglaublichen Preis von nur noch…“

Peng. Der Hörer knallt auf das Siemens-ISDN-Komforttelefon. Ich habe für vieles Zeit, nur nicht für diesen Quatsch. Ich trinke nur sehr wenig Alkohol, höchstens mal ein Glas Sekt, und dann auch nur meine Lieblingsmarke. Außerdem will ich nicht nach Mallorca. Ich mache Urlaub an der Nordsee.

Ich wende mich wieder meiner Arbeit zu. Ich schreibe gerade ein Buch und bin beim Kapitel zum Thema „Problemlösungen bei instabilen Grafikkartentreibern“. Ich muss mich zusammenreißen, mein Produktmanager ist schon etwas ungeduldig. Das Telefon klingelt.

„Moving Letters Medienagentur, schönen guten Tag! Mein Name ist Jürgen Borngießer – wie kann ich Ihnen helfen?“

Etwas klickt im Hintergrund, dann kommt eine weibliche Automatenstimme: „Wir haben Sie“ – klick – „lieber Herr“ – Wechsel zu männlicher Automatenstimme – „BORNGIESSER“ – Wechsel zu weiblicher Automatenstimme – „ausgewählt, um an unserem Gewinnspiel“ – klick – „Ferien auf dem Ponyhof – klick – „teilzuneh…“

Wieder kracht der Hörer in die Halterung des Telefons. ISDN- Komforttelefone von Siemens sind recht robust. Meine Nerven allerdings nicht. Das Schlimme daran ist, dass diese nervtötenden Werbeidioten keine Rufnummernanzeige zulassen. Ich versuche mich wieder zu konzentrieren. Nach ca. 16 Sätzen klingelt das Telefon.

„Moving Letters Medienagentur, Borngießer, Sie wünschen?“

„Schönen guten Tag! Mein Name ist Cornelia Schuster (Name von der Redaktion frei gewählt, da vor lauter Ärger aus dem Gedächtnis gestrichen), und ich habe die Information bekommen, dass Sie gerne Goldmünzen sammeln.“

Es mag die Vorstellung kursieren, dass Autoren und Journalisten in Geld schwimmen, ich gehöre leider nicht dazu. Das einzige, was ich sammle, sind die Rechnungen, die täglich auflaufen.

„Von wem haben Sie das denn gehört, liebe Frau Schuster?“

„Nun…äh…“ – schluck – „von einem guten Freund!“

„Wieso weiß denn Ihr Freund, dass ich Goldmünzen sammle?“

„Nein, nicht mein Freund, da liegt ein Irrtum vor, ich meinte ein guter Freund von Ihnen!“

„Ach so… wer denn?“

Man hört faktisch das hektische Klappern der Finger auf der PC-Tastatur beim Durchwühlen der Kundendaten, die von irgendeinem Versandhändler für etliche Euro gekauft wurden. Dummerweise sind immer wieder ein paar bewusst gemachte falsche Angaben drin.

„Nun, Ihr Kollege Jeff Becker hat uns dies mitgeteilt!“

„Jeff! Der gute alte Jeff, die Pottsau!“ Jeff Becker ist ein Pseudonym, unter dem ich gelegentlich Kurzgeschichten schreibe. „Jeff, dieser alte Kotzbrocken. Hätt’ ich’s mir doch gleich denken können. Dabei wurde ihm gerichtlich verboten, meinen Namen auch nur zu erwähnen. Seit wann ist denn der wieder aus der Psychiatrie entlassen?“

Ein hörbares Schlucken am anderen Ende der Leitung. „Darf ich Ihnen denn mal ein schönes Angebot machen?“

„Nö!“ – ich lege auf.

Kann man eigentlich gar nichts gegen diese Telefonterroristen machen? Man muss sich mal vorstellen, wie viel Zeit einem durch solche Telefonate täglich verloren geht. Und welcher unnütze Verbrauch an Energie!

Ich versuche mich gerade wieder darauf zu konzentrieren, meinen Lesern Wege aus der Treiberkrise aufzuzeigen, als das Telefon erneut klingelt. Nach einem kurzen mörderischen Blick in Richtung der Nummernanzeige und der Erkenntnis, dass entweder noch nicht jeder Gesprächsteilnehmer die Vorzüge von ISDN nutzt, nehme ich den Hörer ab. Sie wissen schon, Großauftrag, viel Geld, Goldmünzen kaufen und so…

„Schönen guten Tag, Herr Borngießer“…

Woher wissen die das?

„…wir möchten anfragen, ob Sie schon einmal Lotto gespielt haben!“

„Warum?“

„Nun, vielleicht haben wir ein günstiges Angebot für Sie. Haben Sie schon einmal Lotto gespielt?“

„Ja-a“

„Schön, haben Sie denn auch schon mal etwas gewonnen?“

„Ja-a“

„Und wie viel, wenn ich fragen darf?“

„38,6 Millionen Euro!“

Nach solchen kurzen Sätzen kann man tatsächlich ´sehen´, wie dem Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Leitung sämtliche im Gehirn bereit gestellten Regeln der Werbetechnik mit einem Schlag aus den Ohren purzeln. Plonggg…

„Äh…oh…ja… dann sind Sie ja ein richtiger Glückspilz.“

In Wahrheit sollte die Antwort so lauten: „Willst Du mich eigentlich verarschen, Du blöder Kasperkopf?“ Das Problem ist nur, dass er genau so nett und höflich zu den Angerufenen sein soll wie ich zu den Anrufern. Nur dass ich ein Faible dafür habe, solche Anrufern dermaßen auf die Palme zu bringen, dass die nie wieder anrufen. Hoffe ich jedenfalls. Also formuliere ich nach reiflicher Überlegung eine recht zustimmende und informative Antwort:

„Ja-a“

„Gut, dann brauchen Sie ja unseren Dienst nicht mehr, nicht wahr, lieber Herr Borngießer?“ (Da fehlt noch der Zusatz: „Du hirnamputierter geisteskranker Quotenkiller!“ – aber den denkt er sich, und sagt ihn nicht…)

„Ja-a“

„Gut, ähm… ja… dann auf Wiederhören!“

„Lieber nicht!“ – ich lege auf.

Hatte nicht der Gesetzgeber festgelegt, dass Werbeanrufe dieser Art nicht zulässig sind? Und dass man Belästigungsanrufe dieser Art melden soll? Lieber Herr Gesetzgeber, das endet so: Ich beschwere mich über die Südwestdeutsche Klassenlotterie oder das Weingut Schädeltot in der österreichischen Steiermark. Die schieben das auf ein Call-Center, das seine Mitarbeiter nicht richtig ausgebildet hat. Einer dieser modernen Telefonsklaven wird aus seinem Mindesttariflohnjob entlassen und dient als Sündenbock. Am nächsten Tag arbeitet bereits ein neuer Telefonjobber, dieses Mal ohne feste Anstellung und unter Tarif. Dafür aber noch penetranter im Anrufen.

Irgendwie habe ich den Faden verloren. Ich beschließe, mir und meinem Vater etwas zu Mittag zuzubereiten. Das Telefon klingelt – Rufnummer unbekannt. Was soll ich machen? Und wenn es wirklich mal Hollywood ist und ein gewisser Mr. Spielberg mein Drehbuch haben will?

„Hallo?“

„Hier isse ssspreche italiano Ssspezialitäte Versssande Marco Trotteloni. Isse spresse mitte Jürgene Pornogießere?“

Ich koche keine Pasta mehr! Basta! Und knalle den Hörer auf das Telefon. Der kleine weiße Knopf für den Anrufbeantworter springt aus der Feder und mit ca. 80 Metern pro Sekunde aus dem Zimmer heraus. Den finde ich nie wieder.

Ich gehe ohne Telefon in die Küche. Soll Mr. Spielberg doch anrufen – für die nächste Stunde bin ich nicht erreichbar. Doch die geht schneller herum, als man denkt. Also sitze ich wieder vor meinem Text. Ich gehe das Kapitel noch einmal durch, um einen guten Einstiegspunkt für eine Weiterführung zu finden. Das Telefon klingelt.

„HALLO!!!“

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Beim großen Preisausschreiben der Firma Westmann haben wir Ihr Los gezogen…“

Westmann? Los? Kopfbahnhof?

„Sie können sich Ihren Gewinn bei einer tollen Fahrt mit dem Reisebus nach Bad Sassendorf abholen, bei der wir Ihnen tollen Angebote…“

„DU BLÖDE HÖRNERZICKE! DU DÄMLICHE WERBETUSSI! ICH WILL WEDER IN DIESES LANGWEILIGE KAFF NOCH MEIN SAUER VERDIENTES GELD FÜR IRGENDWELCHE ÜBERTEUERTEN RHEUMADECKEN AUSGEBEN!!! STELL DICH VOR DEN KUHHINTERN UND LASS DICH VOLLSCH…“

Während meiner Schimpfkanonade plappert die Stimme fröhlich weiter und verspricht mir erstklassige Qualitätsware zu moderaten Preisen. Also wieder mal ein automatisch abspielendes Band. Ich versuche ruhig zu bleiben und den Hörer ohne weiteren Verlust von Tasten aufzulegen. Gelingt nicht ganz – in Zukunft muss ich ohne die „0“ wählen – wird bestimmt schwierig.

Ich resigniere. Ich schalte das Telefon auf Anrufbeantworter und eine Abwimmelansage, sowie auf stumm. Wahrscheinlich gehen mir etliche Honorare durch die Lappen, aber Hauptsache, ich kann weiterarbeiten. Ich fange noch mal an zu lesen. Mein Handy klingelt.

„BORN…“ – tief Luft holen – „Borngießer!“

Mist, ich habe nicht nach einer Rufnummer geschaut. Das rächt sich sofort.

„Hier ist Ihr Vodafone-Kundenservice. Uns wurde mitgeteilt, dass Sie gerne an Gewinnspielen per Handy teilnehmen. Wir haben Sie deshalb in unseren Freiverteiler für 5000 Firmen eingestellt. Sollten Sie dies nicht wünschen, rufen Sie bitte die Nummer *nuschelnuschelknacksklirrnuschel* an. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit Ihren Gewinnen!“

Falls mich jemand sucht, ich bin im Baumarkt und kaufe eine Kettensäge. Meine nächste Adresse wird etwas geheimer sein, wahrscheinlich eine Gummizelle in einer weitläufigen Klinik. Egal, Hauptsache, die haben kein Telefon. Und falls doch… HarrHarrHarr…

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