Das Versagen der Corona-Politik(er) … und der Bürger

Ach ja, was soll man als halbwegs vernunftbegabter Mensch da noch sagen. Wie von Experten (und vielen Menschen mit zumindest einem Mindestmaß an Gehirn im dafür vorgesehenen Behältnis) vorhergesagt explodieren die Zahlen trotz (oder wegen?) des „Lockdown light“ weiterhin. Zwar ist der Trend der Infektionszahlen seit Anfang November „nur noch“ linear, doch ist die Sterblichkeit, um die uns viele europäische Nachbarn beneidet haben, deutlich angestiegen. Mittlerweile sterben in Deutschland am Tag an die 500 Menschen an (oder, wie Corona-Egoisten lieber sagen, „mit“) Covid 19.

Ja, klar. Als Politiker kann man es nie richtig machen, nie allen recht machen.

Im März waren angesichts der Ungewißheit über die Gefährlichkeit nur wenig Stimmen der Kritik an den recht drastischen Maßnahmen zu vernehmen (eher noch Kritik daran, warum zum Beispiel Baumärkte als „essentielle“ Läden weiterhin auf hatten). Die Ergebnisse konnten sich letztendlich sehen lassen. Bis zum 1.5. war die Zunahme der Fälle weitgehend im Griff, insgesamt gut 160.000 Menschen erkrankt, „nur“ (im Verhältnis zu Ländern wie Belgien oder Italien) 7000 Menschen gestorben, und weniger als 1000 Menschen steckten sich pro Tag neu an, Tendenz fallend.

Die logarithmische Darstellung des Verhältnisses Neuerkrankungen zu Erkrankten gesamt zeigt Trendwenden deutlicher und relevanter als die Abhängigkeit von der Zeitachse

Und während viele Menschen froh waren, wieder ein halbwegs, nur leicht eingeschränktes, Leben führen zu können, kamen die ganzen Egoisten aus den Löchern hervor und beschwerten sich, wieso überhaupt ein Lockdown gemacht wurde. Schließlich war alles doch gar nicht so schlimm, kaum jemand krank oder gestorben, und überhaupt: Schweden! Die haben doch auch keinen Lockdown gemacht.

Joh. Schweden. Das Land mit 10 Millionen Einwohnern, erheblich geringerer Bevölkerungsdichte als Deutschland, und zu dem Zeitpunkt einer Sterblichkeitsrate von über 13%, und über 3000 Toten (umgerechnet also mit 24000 gut dem Dreifachen von Deutschland). Gut, solche Fakten wollten die Egoisten ja nicht hören. Wichtig war: Kein Lockdown, trotzdem alles „gut“. Man könnte zynisch sagen, mit dem nicht durchgeführten Lockdown haben sie erstmal ihre Renten- und Pflegekasse entlastet. „Die wären eh gestorben“, so das Argument mancher (zu vieler) Corona-Egoisten.

Effektiv nutzten beide Lager die verhältnismäßig guten Zahlen in Deutschland für ihre Argumentation. Die einen sahen den Lockdown als bestätigt, die anderen widerlegt. Die Ursache für diese falsche Argumentation zur Überflüssigkeit des Lockdowns ist die unlogische Annahme, daß er quasi keinerlei Wirkung gehabt hätte, und wir auch ohne Lockdown die gleiche Anzahl von Kranken und Toten gehabt hätten. Aber so funktionieren Epidemien nicht. Je mehr Erkrankte, desto mehr stecken sich an. Die konnte jeder Mensch, der auch nur ansatzweise eine Grafik anschauen und verstehen kann, an dem anfangs exponentiellen Zuwachs der Krankheitszahlen erkennen. Und zwar unabhängig vom Land. Solange keine (adäquaten) Maßnahmen getroffen werden, nimmt die Zunahme zu. Das nennt man dann halt „exponentiell“. Dies war sehr schön in den Ländern zu beobachten, die keine, zu schwache oder zu späte Maßnahmen zur Eindämmung unternommen hatten. So zum Beispiel in den Staaten, deren „stabiles Genie“ von einem Wunder-gleichen Verschwinden der Krankheit in Kürze, und später im Sommer wegen der warmen Temperatur schwafelte und es selber ablehnt, Masken zu tragen.

Leicht zeitverzögert aufgrund der Inkubationszeit waren aber schnell die positiven Auswirkungen der Maßnahmen zu erkennen. Also soweit alles gut. Sollte man meinen. Die Kritik der Egoisten an den Maßnahmen hatte aber anscheinend Wirkung gezeigt. Vereinzelt äußerten sich Politiker ob der Lockdown in dem Ausmaß denn wirklich notwendig gewesen wäre. Klar, man will es sich ja nicht mit den Wählern verscherzen. Und wenn die Egoisten meinen, die Politiker hätten falsch gehandelt, wählen sie einen vielleicht das nächste Mal nicht mehr. Und damit begann der Wischi-Waschi-Schlingerkurs des Sommers und Herbstes.

Und dann kam Ende September jene denkwürdige Pressekonferenz, in der Angela Merkel drohte, Deutschland könnten bis Weihnachten 19200 Erkrankungen pro Tag drohen. Auf die Rückfrage, wie sie denn auf die Zahl käme, erläuterte sie basierend auf den aktuellen Erkrankungszahlen pro Tag (die je nach Wochentag im Bereich von 100-300 lagen) und der Verdoppelungsrate (etwa 10 Tage für die doppelte Anzahl von täglichen Erkrankungen). Hochgerechnet kam sie so auf die erwähnten 19.200 innerhalb von etwa 12 Wochen.

Und damit ging der Shitstorm los. Wie kann sie sowas behaupten. Sieht doch alles toll aus. Unrealistisch. Und überhaupt, sie hat für die Verdoppelungszeit die Zeit zwischen einem Maximum in einer Woche und dem Minimum in einer anderen Woche genommen, also komplett unwissenschaftlich.

Die Kritiker im Shitstorm hatten recht. Die Zahlen waren nicht richtig. Denn dank der Unvernunft vieler Egoisten, die sich eben weiterhin nicht an die Regeln und Einschränkungen hielten, schaffte es Deutschland, die genannten 19.200 Neuansteckungen pro Tag bereits Ende Oktober erreicht. Also 4-5 Wochen statt 12. Ups.

Verlauf der Neuerkrankungen zwischen Mitte September und Ende Oktober

Dieser Weckruf wurde zwischenzeitlich ansatzweise auch von der Politik erhört, man mußte was tun. Also tun wir was. Was tun wir? Uneinigkeit allenthalben, wie bereits vorher in der Konsistenz der Maßnahmen quer durch die Bundesrepublik. Ein Flickerl-Teppich von unterschiedlichen Regelungen. Klar, daß dann zum einen niemand mehr weiß, was man eigentlich korrekt tun soll. Zum anderen ist die Bereitschaft, sich an so unterschiedliche Vorgaben in den Ländern zu halten, natürlich auch geringer (wenn sich die Politiker schon nicht einig sind … dann such ich mir halt raus, welche Vorgaben ich einhalte!)

Und so kam dann der Lockdown light. Schulen auf, Gaststätten zu, Friseur auf, Fitness-Studio zu, … und so weiter. Man hatte das Gefühl (und so wird es wohl zumindest zum Teil auch sein) daß hier Klientel-Politik betrieben wird. So werden Gastwirtschaften, die zum Teil viel Geld in die Umsetzung der Hygiene-Verordnungen gesteckt haben und die nach Expertenmeinung nur wenig zum Infektionsgeschehen beitragen geschlossen, während Schulen unter kompletter Mißachtung der Vorgaben von anderen Stellen (z.B. die 20qm pro Kunde in Läden) mal eben 30 Schüler auf engstem Raum unterbringen dürfen und sollen. Schließlich hat man als Politiker ja Angst davor, daß die wahlberechtigten Eltern sich bei Androhung von Home-Schooling beim nächsten Mal anders entscheiden.

Aber was soll’s, wird schon irgendwie klappen. Zumal ja die Meinungen wie üblich auseinander gehen. Stichwort Schulen und Infektionstreiber. Erste Seite einer Google-Suche:

Sind, sind nicht, sind sie doch, oder doch nicht?

Man sieht, alles sehr eindeutig. Und auch die Grundlage für die zu vielen Egoisten, generell den Maßnahmen zu widersprechen. Ach ja, und die Zahl der Schulen, die einzelne Klassen, Jahrgangsstufen oder alle Schüler wegen Corona-Fällen nach Hause schicken steigt natürlich aktuell auch deutlich. Irgendwie scheint das Lüften bei Gefrierpunkt-Temperaturen und die Bitte an die Schüler, Masken und Abstand einzuhalten, wohl doch nicht aus.

Gut anderthalb Monate und verschiedene Bund-Länder-Konferenzen später ist nur eins konstant – die Inkosistenz. Es bleibt der Streit zwischen „zu laschen“, „falsch verteilten“ und „zu heftigen“ Maßnahmen, und dem Streit über die weiteren Schritte.

Angesichts immer neuer Tages-Rekorde an Infektionen und Toten – neuer Rekord von über 600 – wollten einige Länderchefs schon nicht mehr auf Entscheidungen der Bundesregierung oder BLKs warten und haben bereits Lockdowns angekündigt. Aktuell wird erwartet, daß eine neuerliche BLK dieses Wochenende endlich (?) einen harten Lockdown beginnend Montag oder Mittwoch (oder wann auch immer) verkündet, während teilweise immer noch Politiker und Parteien rumeiern und sich gegen Lockdown-Maßnahmen vor oder zu Weihnachten kritisieren. „WIE VIELE LEUTE SOLLEN DENN NOCH STERBEN?“ fragt man sich unvermittelt. Und wieso müssen – können – wir gegebenenfalls noch bis Mittwoch warten, bevor ein Lockdown in Kraft tritt? Mit jedem Tag später werden die Zahlen stärker steigen, wird die Krise schwerer in den Griff zu bekommen sein, werden mehr Leute sterben.

Mit Inkrafttreten eines „richtigen“ Lockdowns am 16.12. wird es voraussichtlich eh erstmal 2-3 Wochen dauern, bis Auswirkungen deutlich zu merken sind, dies hat man bereits im Frühjahr gesehen. Doch wird es dieses Mal anders aussehen. Angesichts der viel zu frühen Ankündigung, für Weihnachten und möglicherweise auch Silvester würden Lockerungen zugelassen, wird die Enttäuschung vieler Leute zum Tragen kommen. Dazu kommen die, die sich eh nicht an die Auflagen halten wollten. Und die, die zwar im Rahmen des Erlaubten feiern, aber trotzdem für neue Erkrankungen sorgen. Alle diese werden die letzte Woche des Jahres dafür sorgen, daß spätestens in der zweiten oder dritten Januarwoche eine erneuter Aufschwung an Fallzahlen auftritt, und zwei, drei Wochen später gefolgt von neuerlichen Anstiegen bei den Todeszahlen.

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