Dumme Memes: Asteroid vs. Covid19

Muß man mehr Angst vor einem Asteroid oder Covid19 haben?

Kürzlich sah ich in einem Post eines Bekannten eine Behauptung, die für die unter uns, die gerne die Nervenzellen, die sie im oberen Teil Ihres Körpers herumtragen nicht benutzen möchten, klar zu akzeptieren war. Der Post ging etwa so:

Laut NASA lag die Wahrscheinlichkeit, daß ein Asteroid am 2.11.2020 die Erde trifft, bei 0,042%. Die Wahrscheinlichkeit, an COVID19 zu sterben, liegt bei 0,026%. Müssen wir jetzt bald alle mit Schutzhelmen rumlaufen?

Sicherlich, vergleicht man die beiden Zahlenangaben, die für sich genommen korrekt sein mögen (für COVID19 abhängig vom Land in dem man wohnt – die 0,026 bezogen sich im ursprünglichen US-Meme auf die USA zu der Zeit), ist klar zu bestätigen, daß 0,042 > 0,026. Man könnte also sagen: Ja, die Erde hätte mit gut anderthalb mal so hoher Wahrscheinlichkeit von dem Asteroid getroffen werden als daß man an COVID19 stirbt.

Doch denkt man das ganze mal auch nur einen kleinen Moment durch, merkt man, daß hier Äpfel und Atome verglichen werden.

Zunächst mal die Sterblichkeit an COVID19. Für Deutschland, das sich Stand jetzt den 90.000 Toten nähert, liegt die Wahrscheinlichkeit eher bei 0,11%. Das wäre dann schonmal eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit als daß die Erde getroffen würde. Somit erster Fehler, das Meme wurde ohne Prüfung – oder Anpassung – der Daten einfach blind übernommen. Für die Welt sieht es übrigens (vermutlich wegen Dunkelziffer) anders herum aus – bei 3,5 Millionen Toten von knapp 8 Milliarden Menschen wären das nur 0,044%, somit aber höher als die Angabe im Meme.

Weiter bei dem ersten Teil der Behauptung.

Die 0,042% sind zunächst mal faktisch falsch. Die Aussage der NASA hinsichtlich dieses Asteroid lautete auf eine „Einschlag-Wahrscheinlichkeit“ von 0,41%. Also Faktor 10 größer. Somit haben sich die COVID-Leugner/Einschränkungsgegner hier in’s eigene Fleisch geschnitten. Zweiter Fehler.

Doch was meint die NASA, wenn sie von eine Einschlag-Wahrscheinlichkeit („impact probability“) spricht? Im Usus der Wissenschaftler bedeutet dies, daß das jeweilige Objekt in die Atmosphäre der Erde eindringt. Ja. Genau. Bereits das Eintreten in die Atmosphäre ist ein „Einschlag“, auch wenn nicht mal ein Fitzelchen des Asteroids die Erde erreicht.

Jetzt könnte der Asteroid die Atmosphäre treffen, aber dennoch an der Erde selber vorbeifliegen, schließlich reicht die Atmosphäre 16km in den Weltraum hinein, auch ein „abprallen“ ist teilweise möglich. Angesichts der Größe der Erde lassen wir das im Weiteren aber mal außer acht.

Stichwort Größe. Der betreffende Asteroid hatte einen Durchmesser von etwa 2m. In Worten: Zwei Meter. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei dieser Größe eine erwähnenswerte Gefährdung für die Erde, oder gar Menschen auf ihr, ausgeht, lag quasi bei 0, was auch die NASA entsprechend mitgeteilt hat. Durch das Eindringen in die Atmosphäre wäre er komplett zerbrochen, so daß letztendlich außer Staub und einer Menge kleinerer Meteoriten nichts übrig bleibt. Letztere verglühen und erreichen den Erdboden nicht. Ergo: Wahrscheinlichkeit gegen Null. Dritter Fehler, selbst bei „Treffer“ wäre er ungefährlich gewesen.

Seien wir gnädig und lassen die Wahrscheinlichkeit, daß z.B ein Metallkern im Asteroid ist, der nicht verglüht und die Erdoberfläche erreicht, bei 1% liegen (extrem übertrieben). Somit wären das 0,41% * 1% = 0,0041%. Das ist jetzt schonmal deutlich geringer als die Sterblichkeit an COVID19.

Fertig? Nein, nicht wirklich. Sagen wir der Asteroid hätte wirklich die Erde getroffen, und es wäre ein für einen Menschen gefährlicher Brocken übrig geblieben. An sich, wie erwähnt, schon nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit weit geringer als 0,0041%. Hat er damit schon jemand getroffen? Nun, überlegen wir mal. Die Erde hat derzeit irgendwas unterhalb 8 Milliarden Menschen (ignorieren wir mal Schäden an Tieren oder wirtschaftliche Schäden – es geht schließlich um Menschenleben).

Die Erde hat eine Oberfläche von etwa 510 Millionen Quadratkilometern. Davon sind etwa 70% Wasser, auf dem sicherlich ein paar zu viele Schiffe unterwegs sind, aber mehr als – sagen wir mal – 100.000 Menschen befinden sich vermutlich nicht gleichzeitig dort. Statistisch irrelevant. Bleiben etwa 150 Millionen Quadratkilometer Erdoberfläche. Würde jeder Mensch einen Quadratmeter belegen, wäre die ganze Menschheit in 9000 Quadratkilometern unterzubringen. Das heißt also, bezogen auf die feste Erdoberfläche lautet die Wahrscheinlichkeit, daß irgendein Mensch von dem Brocken getroffen wird

0,0041% * 30% = 0,00123% * (9000/150000000) = 0,0000000738%

Das unter der Vereinfachung, daß ein Mensch 1m2 „Trefferfläche“ besitzt, bei der er von dem Einschlag sterben würde. Tatsächlich dürfte – von oben gesehen – ein Mensch höchstens ein Viertel davon belegen, eher weniger, macht also maximal 0,00000001845%. Oder, weil das doch recht unübersichtlich ist, Kehrwert mal 100, womit wir eine Wahrscheinlichkeit von 1 aus 5,4 Milliarden erhalten. Das erscheint mir jetzt doch deutlich unwahrscheinlicher als an COVID19 zu sterben – nimmt man die aktuellen Zahlen (die vermutlich eher unter der Zahl der tatsächlich an dem Virus gestorbenen Personen liegt), sind von den knapp 8 Milliarden Menschen bisher gut 3,5 Millionen gestorben. Der Asteroid hätte aber nur etwa 1,5 Menschen getötet. Unter den allerschlimmsten, um mehrere Potenzen übertriebenen Annahmen.

Man sieht, das Verhältnis der Erdoberfläche mit „es stirbt jemand am oder mit dem Asteroid“ gleichzusetzen, ist der vierte Fehler. Reicht langsam, oder?

Na, komm, einen hab ich noch. Fehler Nummer 5 – man kann den Einschlag nicht mit dem Virus gleichsetzen. Die von der NASA angegebene Wahrscheinlichkeit bezog sich genau auf diesen EINEN Asteroid. Einen. Der mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als 1:5.4Mrd EINEN Mensch getötet hätte. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Asteroid die Erde trifft, ist allgemein recht gering. Die NASA hat dazu auch schon Erläuterungen geschrieben, jedoch ist eine abschließende Bewertung schwierig, da man nicht alle Objekte in der näheren Umgebung der Erde mit ihren Bahnen kennt. Jedoch sind in der bekannten und dokumentierten Geschichte der Menschheit bisher keine Menschen durch Asteroiden/Meteoriten ums Leben gekommen. Ganz im Gegensatz zum Corona-Virus.

Was könnte man daraus lernen? Ja, Memes können lustig sein, aber wenn man sie als Grundlage für lebenswichtige Entscheidungen oder „Entrüstung“ nutzen möchte, sollte man mal ein GAAANZ klein wenig darüber nachdenken und sie nicht einfach nur konsumieren …

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